HOCH ÜBER DER ZSCHOPAU
SCHLOSS LCHTENWALDE
Von der Burg zum Museumsschloss

Von 2006 bis 2010 koordinierte das Atelier Voigt die verschiedenen Restaurierungsarbeiten der Schatzkammer im Schloss Lichtenwalde bei Chemnitz.
Auf den folgenden Seiten laden wir ein zu einem virtuellen Rundgang durch die Ausstellungen.
Alle Texte Prof. Jochen Voigt, Chemnitz


Das in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtete Schloss Lichtenwalde bei Chemnitz, hoch oben über der Zschopau auf einem Bergsporn gelegen, gehört neben der Augustusburg zu den markantesten Wahrzeichen der Landschaft. Anders als das nach dem sächsischen Kurfürsten August I. (1526–1586) benannte wettinische Jagdschloss war Lichtenwalde seit dem 18. Jahrhundert in privatem Besitz. Autoren des 19. Jahrhunderts haben immer wieder die Größe der Anlage und die Kostbarkeit der Ausstattung hervorgehoben.

Die malerische Einbettung des Schlosses in die romantische Landschaft des Zschopautales und die gelungene Anbindung eines terrassierten Gartens hat Künstler häufig inspiriert, wobei der Blick aus dem Tal hinauf zum Schloss das beliebteste Motiv abgab.

Im Jahr 1280 wird zum ersten Mal ein Verwalter der durch die Markgrafen von Meißen errichteten Anlage namentlich genannt: es ist der Ritter Heidenreich von Lichtenwalde.
Nach zahlreichen Wechseln im 14. Jahrhundert belehnten die Wettiner 1425 den thüringischen Gefolgsmann Apel von Vitzthum mit der Burg Lichtenwalde, der im späteren „Sächsischen Bruderkrieg“ unrühmlich bekannt wurde. Er verlor nach Ausbruch des Krieges die Belehnung und floh nach Böhmen. Statt seiner trat das Geschlecht der Harras auf den Plan, das später einen Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Anlage in Renaissanceformen ins Werk setzte. Dietrich von Harras (um 1430–1499), der Lichtenwalde gemeinsam mit seinen Brüdern vom 1451 verstorbenen Vater Hermann von Harras erbte, ging in die Volksgeschichte ein, weil sich mit ihm die Legende vom „Harrassprung“ verband. Der Dichter Theodor Körner (1791–1813) hat dieser Sage 1810 durch die berühmte Ballade von „Harras dem kühnen Springer“ ein Denkmal gesetzt.

Nach dem Erlöschen der Familie von Harras 1561 verblieb Lichtenwalde in kurfürstlicher Hand und wurde mit einem Amtmann besetzt. Erst 1693 begann ein neues Kapitel, als der sächsische Kurfürst Johann Georg IV. lebhaftes Interesse für ein der Familie von Bünau gehöriges Landstück in Pillnitz zeigte: er wollte es seiner Geliebten Magdalena Sibylla von Neitschütz schenken. Im Tausch mit Lichtenwalde gelangte der Kurfürst in den Besitz der begehrten Pillnitzer Immobilie. Lange blieb Lichtenwalde samt den zugehörigen 13 Dörfern und 5 Pfarrkirchen nicht im Besitz derer von Bünau, denn schon 1719 verkauften sie es an Jacob Heinrich Reichsgraf von Flemming (1667–1728). Lichtenwalde erwarb er, weil er hier ein adeliges Fräuleinstift einrichten wollte. Diese Pläne zerschlugen sich jedoch rasch und Flemming veräußerte die Besitzung 1722 an Christoph Heinrich Reichsgraf von Watzdorf, seines Zeichens Obersteuer- und Generalaccisdirektor des sächsischen Kurstaates.

Mit Watzdorf begann eine neue Ära in Lichtenwalde, denn er ließ das marode Gemäuer weitgehend abreißen und eine dreiflüglige Anlage errichten, die heute zu den größten nichtwettinischen Schlossbauten Sachsens zählt. Der Bauherr starb bereits 1729 und aller Besitz ging an seinen Sohn Friedrich Carl Graf von Watzdorf über. Dieser vollendete das Werk des Vaters durch Anlage eines weitläufigen Parkes, der als einer der bedeutendsten in Sachsen gilt. Als Friedrich Carl Graf von Watzdorf 1764 starb, hinterließ er keine Kinder. Seine Witwe Sophie Henriette, eine geborene Gräfin Vitzthum von Eckstädt, erbte deshalb den gesamten Besitz. Als sie 1772 ebenfalls starb, ging Lichtenwalde an ihren Bruder Ludwig Siegfried Vitzthum von Eckstädt (1716–1777) über, der in dieser Zeit als Oberkammerherr am Dresdner Hof wirkte. Dessen ältester Sohn Friedrich wurde bald neuer Hausherr in Lichtenwalde. Er war bereits im Besitz des Familienschlosses Schönwölkau bei Leipzig und vereinte nun beide Häuser in einer Hand.
Ein Unglück traf Schloss Lichtenwalde 1905, als – durch eine defekte Schleppesse ausgelöst – ein verheerender Brand nahezu den gesamten Komplex einäscherte. In der Walpurgisnacht 1905 vernichtete das Feuer auch rund zwei Drittel der Kunstwerke des Schlosses.

Hausherr Graf Otto Friedrich III. Vitzthum von Eckstädt hatte von 1891 bis 1904 dem königlichen Hofwesen als Oberhofmarschall vorgestanden und zu den engsten Vertrauten des sächsischen Königs Albert (1828–1902) gehört.
Vitzthum war in dieser Funktion auch mit der Koordinierung und Überwachung des Dresdner Schlossumbaus durch die Hofbauräte Gustav Dunger (1845–1920) und Gustav Frölich (1859–1933) betraut gewesen. Letzterem überantwortete er 1905 den Wiederaufbau in Lichtenwalde. Das neue Schloss entstand unter Einbeziehung alter, noch brauchbarer Architekturteile (vor allem des Nordflügels), doch auch mit zahlreichen Abweichungen vom Original.

Am 3. Mai 1908 erfolgte unter Anteilnahme zahlreicher Honoratioren und der Bevölkerung der festliche Wiedereinzug des gräflichen Paares in Lichtenwalde.

1936 starb der betagte Graf, 1943 fiel sein Sohn Otto Siegfried II. in Russland. Die nunmehr dreiundachtzigjährige Gräfin war allein mit ihrem zusammengeschmolzenen Personal, als im Sommer 1945 russische Soldaten auf das Schloss vorrückten. Binnen kürzester Frist musste sie am 13. Juli mit einer Handvoll Habseligkeiten das Schloss verlassen, das anschließend geplündert und verwüstet wurde.

Wie eingangs erwähnt, bilden Bereiche der Kapelle die ältesten, noch aus der Romanik stammenden Teile des Lichtenwalder Schlosskomplexes. Umbauten durch spätere Generationen haben das Bild inzwischen jedoch völlig verändert. Heute präsentiert sich das kleine, im 15. Jahrhundert mit Kreuzrippen überwölbte Kirchenschiff mit vorwiegend barock-zeitlichen Ausstattungsteilen. Aus dieser Bauphase dürfte auch der Chor mit seiner flachen Decke stammen. Durch das Obergeschoss des Mittelbaus konnte man früher vom Nordflügel des Schlosses trockenen Fußes in die Kirche gelangen. In der Patronatsloge, gegenüber dem schlichten Barockaltar aufgebaut, nahmen die Herrschaften Platz. An kalten Tagen sorgte dort (die Loge war damals verglast) ein bis heute erhaltener Kachelofen in Rokokoform für erträgliche Temperaturen. Der kleine Barockaltar ist mit vergoldeten Figuren von Christus und Moses geschmückt.

Heute sind im Schloss Lichtenwalde die Schatzkammer (1500 qm) und die Galerie Angewande Kunst Schneeberg (350 qm) sowie das Restaurant VITZTHUM mit Wintergarten und gräflichem Speisesaal beheimatet.
In der Bibliothek, die zur Schatzkammer gehört, kann in besonders festlichem Rahmen geheiratet werden. In der Kapelle finden Konzerte, in der Galerie Sonderausstellungen und Talkabende mit Livemusik statt.

   

   
   
       
           
  3535